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FORUM • KULTUR UND ÖKONOMIE

Vom Internet verweht

Altes Spital in Solothurn
15./16. März 2007

Thema 2007

Vom Internet verweht

Etwas rinnt uns durch die Finger – nicht nur der Kulturteil, den die Berner Zeitung künftig über das restliche Blatt verstreut, den andere zurückschneiden und in Lifestyle umbenennen. Dass das Feuilleton nicht rentiert, das wussten wir schon immer, aber es war für das Verstehen der Welt unerlässlich und hat darum einen Profit jenseits des Aktienkurses abgeworfen. Aus dem viele Zeitungen ihr Prestige bezogen. Was uns heute bedrückt, ist der Kulturwandel. Dem Schwinden des Feuilletons entspricht der sinkende Stellenwert von Kultur in der Gesellschaft. Die jüngste Univox-Befragung hat den Beweis geliefert: Kultur ist jener Lebensbereich, der bei den Schweizern in den letzten Jahren (neben der Politik!) am meisten an Bedeutung verloren hat. Im Gegensatz zum Sport, der auf die vorderen Ränge gerückt ist; Sport ist jetzt der relevante Träger von Wertvorstellungen.
Natürlich, auch das ist die Schuld der Medien. Wirklich? Auch die Medien reagieren nur auf Trends, die sie bestenfalls verstärken. Man muss schon tiefer graben. Und kommt zum Schluss: Kultur ist nicht mehr jenes Leitmedium, zu dem sie sich nach 1968 erhoben hatte. Damals ging es um eine Kulturrevolution, mitsamt Marx, „Kapital“ und Rolling Stones. Der Fall der Mauer hat Kultur entpolitisiert, das Internet hat sie zu einem Gratis-Konsumgut degradiert, die Fülle der neuen Institutionen hat eine Art kulturellen Frieden geschaffen. Der Erfolg von 40 Jahren Kulturpolitik: Kultur ist für viele zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Also zu etwas, über das man verfügt, nach dem man nicht mehr streben muss.
Deshalb stellten 100 Vertreter der öffentlichen und privaten Kulturförderung sich am 15. und 16. März in Solothurn die Frage, wie es mit "Medien ohne Kultur, Kultur ohne Medien" weitergeht. Denn das Verschwinden des Kulturteils bringt die Kulturpolitik in Nöte. Es verschwindet jene Plattform, auf der sie ihre Kriterien öffentlich verhandelte. Jenes Forum, wo neue Entwicklungen gewürdigt und auf ihre Förderwürdigkeit geprüft wurden. Es löst sich auch jene Instanz auf, welche Kulturpolitik verhandelte. Der Wind hat den Sand der Ideologien verweht.
Jetzt erst beginnt – Kulturpolitik. Nicht, um das Rad der Zeit anzuhalten. Sondern um der Kultur in der herrschenden Diktatur der Zahlen und Aktienkurse Platz zu schaffen. Kultur ist noch immer Menschenbildung, sie ist noch immer jener Raum, in dem wir uns über die Gegenwart, über Nöte, Probleme und Alltagspolitik hinausbewegen. Kultur ist Denken und Empfinden auf einem anderen Orbit. Wenn sie es künftig ohne Hilfe der Medien tun muss, ist das bedauerlich. Aber sie wird neue Formen von Öffentlichkeit finden. Im Internet zum Beispiel. Kultur ist, tröstlich genug, immer das Problem und seine Lösung zugleich. Letztere mag Blog heissen oder Podcast oder YouTube oder MySpace, digitales Radio oder Internetfernsehen.
Für die Kulturpolitik bedeutet das: Weniger zeitgeistige Projekte, mehr kulturelle Gefässe fördern, in denen Auseinandersetzung mit der Gegenwart, mit Wahrnehmungen und Visionen sich abspielen kann. Keine Vorlieben mehr, sondern Spielräume, in denen die Kultur Geschichte schreibt. Mehr Diskussion in unseren Gremien. Mehr gesunder Streit. Der sich in den neuen Öffentlichkeiten spiegelt. Ob die traditionellen Medien solches überleben, bezweifle ich. Macht aber nichts; die Kultur wird sie nicht mehr benötigen.

Änderungen vorbehalten.

Programm

Donnerstag, 15. März 2007

  PDF Programm

GELD REGIERT

09.00

Begrüssungskaffee

09.30

Intervention Com&Com

09.35

Konrad Tobler, Bern, freier Kulturjournalist und Kunstkritiker
“Feuilleton über das Feuilleton; Plädoyer für einen starken Kulturjournalismus.“
Die Kulturteile verlieren an Raum und entsprechend auch an Profil. Gedankensprünge darüber, weswegen dem entgegengewirkt werden sollte – und ob das überhaupt möglich ist.

10.00

Raphaëlle Aellig Régnier, Genf, Fernsehjournalistin und freie Produzentin
„Faut-il protéger la place de la culture dans les médias? L’artiste, est-il devenu l’otage des médias?“
Les pages et émissions culturelles cèdent leur place aux célébrités. Comment réagir au schisme final de médias et culture, quelle pourrait être la place future de la culture, mais tout d’abord: de quelle culture on parle?

10.40

Pause

11.10

Intervention Com&Com

11.15

Norbert Bolz, Berlin, Medienwissenschaftler, Professor an der Technischen Universität Berlin:
„Infotainment – Über den Parajournalismus der Laien und den Postjournalismus.“
Zum Bedeutungswandel der Printmedien. Der klassische Journalismus sieht sich in der Krise, neue, internet-basierte Formen von Publizität gewinnen an Boden.

12.00

Lunch

14.00

Hedy Graber: Einleitung zum 2. Teil

14.10

Kurt W. Zimmermann, Zürich, Medienanalyst und -Kritiker
“Kultur in den Medien – ein überschätztes Programm für Minderheiten.“
Im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Gruppen leidet die Kulturszene an einer permanenten Selbstüberschätzung. Das verzerrt ihr Verhältnis zu den Medien, und umgekehrt ist das Verhältnis der Medien zur Kultur.

15.00

Workshops

17.10

Intervention Com&Com

17.15

Karl Karst, Köln, Programmleiter des Kulturradios WDR 3:
“Hoffnung am Horizont: Kulturradio als Medieninstanz.“
WDR 3 ist das Kulturradio des Westdeutschen Rundfunks. Mit 1,6 Millionen regelmässsigen Hörern gehört es zu den erfolgreichsten seiner Sparte. Das war nicht immer so. Warum der Erfolg? Und was kann das Radio tun, um als Kulturmedium begriffen zu werden?

17.45

Fragen, Schlussrunde

18.15

Abschluss

19.00

Aperitif offeriert von der Solothurner Kantonsregierung
Grusswort Klaus Fischer, Regierungsrat
Soirée conviviale

Freitag, 16. März 2007

  PDF Programm

HOFFNUNG KEIMT

08.30

Hans Ulrich Glarner: Begrüssung zum 2. Tag
Résumé des 1. Tages und der Diskussionsworkshops

08.40

Peter Buri, Aarau, Chefredaktor der AZ-Medien:
“Politik ist nur das halbe Leben. Wie man mit Kultur Leserinnen in die Zeitung holt.“
Gegen den Trend haben Aargauer Zeitung/Mittelland Zeitung 2005 der Kultur mehr Platz und einen eigenen Zeitungsbund zur Verfügung gestellt. Wieso? Welche Chancen bieten sich dem Kulturjournalismus aus verlegerischer und redaktioneller Sicht? Und welchen Stellenwert hat die Kultur in den Printmedien und in den privaten elektronischen Medien der Zukunft?

09.30

Sima Dakkus, Lausanne, Rédactrice en chef de CultureEnJeu
“Culture EnJeu: Voix des artistes.“
Pour la défense des ressources de l’art et des créateurs.

09.50

Intervention Com&Com

10.00

Workshops 2. Reihe und Pause

12.05

Niggi Ullrich, Liestal, Kulturbeauftragter Basel-Landschaft
“Abschied von den Medien.“
Herausforderungen für die Kulturförderung.

12.20

Bruno Giussani, Tessin, Blogger, Internet-Experte und Autor
“L’impact culturel de l’internet participatif.“
Blogs, wikis, video-sharing, journalisme „citoyen“, etc.: Les nouvelles formes de communication participative sont en train de changer l’Internet. De quoi s’agit-il ? Comment fonctionnent-elles ?
Quel est leur impact socioculturel?

13.00

Schlussrunde, Ausblick

13.30

Intervention Com&Com

13.45

Lunch und Abschied

Konferenz

Das FORUM • KULTUR UND ÖKONOMIE wird von der Konferenz geführt, die für die Aktivitäten des Forums verantwortlich ist. Der Konferenz gehören zurzeit folgende Personen und Institutionen an:

  • Mirjam Beerli, Geschäftsführerin UBS Kulturstiftung
  • José Bessard, Direktor Kommunikation, Loterie Romande
  • Rosie Bitterli Mucha, Chefin Kultur und Sport Stadt Luzern
  • Hans Ulrich Glarner, Kulturbeauftragter Kanton Aargau
  • Diana Pavlicek, Vice President Art & Cultural Engagement, Swiss Re
  • Hedy Graber, Leiterin Direktion Kultur und Soziales, Migros-Genossenschafts-Bund
  • Regula Huber-Süess, Swisslos
  • Jean-Frédéric Jauslin, Direktor Bundesamt für Kultur
  • Pius Knüsel, Direktor Kulturstiftung Pro Helvetia
  • Toni J. Krein, Head Corporate Cultural Sponsorship, Credit Suisse
  • Rosmarie Richner, Generalsekretärin Fondation Nestlé pour l’Art
  • Anne-Catherine Sutermeister, Amt für Kultur Kanton Bern, Abteilung französische Sprache

REFERENTEN

Aline Mean

Aline Mean

Barbara Strebel

Barbara Strebel

Bruno Giussani

Bruno Giussani

Carine Cuérel

Carine Cuérel

Christoph Reichenau

Christoph Reichenau

Com&Com

Com&Com

Karl Karst

Karl Karst

Konrad Tobler

Konrad Tobler

Kurt W. Zimmermann

Kurt W. Zimmermann

Mirjam Beerli

Mirjam Beerli

Niggi Ullrich

Niggi Ullrich

Norbert Bolz

Norbert Bolz

Patrik Tschudin

Patrik Tschudin

Peter Buri

Peter Buri

Rahel Gerber

Rahel Gerber

Raphaëlle Aellig Régnier

Raphaëlle Aellig Régnier

Rosie Bitterli Mucha

Rosie Bitterli Mucha

Rosie Bitterli Mucha

Rosmarie Richner

Rosmarie Richner

Sabina Schwarzenbach

Sabina Schwarzenbach

Sima Dakkus

Sima Dakkus

Thomas Gilgen

Thomas Gilgen

Toni J. Krein

Toni J. Krein

Toni J. Krein